Madras gibt dem langen Herrenrock Farbe – und Richtung
Das Karo der SS27-Menswear ist nicht schwer, winterlich oder nostalgisch. Es ist gewaschen, luftig und für Hitze gemacht. Vogue sah die Schauen „mad for plaid (and madras)“; bei Ralph Lauren wanderte das Gewebe über Jacken, Hemden, Taschen und Hüte, während Etro Madras mit Seide, Foulard-Drucken und leichter Schneiderei kombinierte. Für den langen Herrenrock liegt darin eine klare Chance: Eine einzige kontrollierte Karofläche setzt Rhythmus über einer ruhigen vertikalen Silhouette. Doch Madras beginnt nicht auf einem europäischen Laufsteg. GQ India erinnert an den Lungi, das seit Jahrhunderten getragene, anpassbare und ventilierte Männergewand aus dem südindischen Alltag. Diese Herkunft verdient Sichtbarkeit. Nino Cappello übernimmt keine Identität, sondern eine relevante Lehre: Sommerkleidung kann männlich, praktisch, farbig und selbstverständlich zugleich sein. Italienische Konstruktion, ein sauberer Bund und ein langer Saum geben dem Karo den Rahmen. Men Can.
22. Juli 2026 · Editorial · Madras / langer Herrenrock / Sommer-Tailoring / Men Can
Editorial
1) Erst die Herkunft, dann der Trend
Madras ist mehr als ein saisonales Plaid. Das leichte Baumwollgewebe ist mit Chennai und der Geschichte des Lungis verbunden – einem männlichen Alltagsgewand, dessen Wicklung Bewegungsfreiheit und Belüftung schafft. Wer das Muster heute trägt, muss daraus keine Folklore machen. Respekt zeigt sich in Klarheit: Herkunft benennen, das Material nicht exotisieren und den eigenen Look als zeitgenössische Interpretation kenntlich machen.
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2) Eine Karofläche genügt
Ein langer Rock bringt bereits Volumen und Bewegung. Deshalb wirkt Madras am stärksten als einzelner Block: Field Overshirt, Camp-Collar-Hemd oder leichte Zip-Jacke. Der Rock bleibt uni in Charcoal, Ink, Sand oder Olive. So kann das Auge das Raster lesen, ohne dass Saum, Bund und Schuhlinie gegeneinander arbeiten. Mehrere Checks sind ein Laufsteg-Statement; im Alltag ist ein präziser Einsatz souveräner.
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3) Gewaschene Farbe statt Signalton
Gutes Madras lebt von unperfekten, ineinanderlaufenden Tönen. Indigo, Oxblood, Tabak, Salbei und Stone verbinden sich leichter mit italienischem Leinen oder trockener Wolle als hartes Primärfarben-Karo. Entscheidend ist eine gemeinsame Grundtemperatur: kühle Blau- und Grautöne zu Charcoal und Ink, sonnenwarme Rost- und Naturtöne zu Sand, gedämpftes Grün und Navy zu Utility-Olive.
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4) Der Bund hält die Komposition
Das Karo erzeugt horizontale und vertikale Impulse. Ein sauber gebauter Bund ordnet sie. Hemden werden vollständig oder nur vorne präzise eingesteckt; Overshirts enden knapp über der Hüfte und bleiben offen. Unterhalb des Bundes setzt der Rock eine ungebrochene Linie fort. Dadurch wirkt Madras nicht verspielt, sondern architektonisch – Farbe oben, Ruhe unten, Gewicht am Schuh.
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5) Men Can: Sommer ohne Verkleidung
Ralph Lauren zeigt, wie alte Prep-Codes lockerer werden; Etro verbindet Reise, Muster und leichtes Tailoring. Nino Cappello übersetzt diesen Impuls in eine europäische Herrenrock-Garderobe, die nichts beweisen muss. Der Mann trägt Farbe, weil sie ihm steht. Er trägt Länge, weil sie Haltung schafft. Und er behandelt kulturelle Referenzen mit Wissen statt mit Pose.
Styling
Styling-Box: Vier ruhige Karos
Vier Stadt-Looks, jeweils mit einer einzigen Madras-Zone und klarer Rockarchitektur.
Mailand: Field Overshirt + Charcoal Pleats
Gewaschenes Indigo-Tabak-Madras, Ecru-Knit, langer Charcoal-Faltenrock und schwarze schmale Derbys.
Die gedeckten Checks beleben den Oberkörper; die dunklen Pleats bewahren Autorität.
Paris: Camp Collar + Ink Wrap
Oxblood-Navy-Camp-Shirt im Bund, langer asymmetrischer Ink-Wrap und schwarze Ankle-Boots.
Der offene Kragen lockert das Raster, der scharfe Wrap schließt die Silhouette.
Florenz: Washed Check + Sand Linen
Salbei-Rost-Madras mit gerolltem Ärmel, sandfarbener Leinen-Wrap, dunkle Strümpfe und Tabak-Loafer.
Leinen und gewaschene Baumwolle teilen dieselbe trockene, sommerliche Oberfläche.
Kopenhagen: Zip Check + Olive Utility
Gedämpftes Forest-Navy-Madras, feiner Navy-Knit, langer Olive-Utility-Rock und schwarze Boots.
Die Zip-Konstruktion macht das Karo funktional; breite Pleats halten den Look geerdet.
Men Can: Trage Madras als Material mit Geschichte – und den langen Rock als klare Gegenwart.
Quellen
Kurz gelesen
GQ India: Ordnet das SS27-Madras historisch beim südindischen Lungi ein und beschreibt Baumwolle, Belüftung und männliche Alltagspraxis.
Vogue: Zählt Madras und Plaid zu den direkt tragbaren Styling-Ideen der Spring-2027-Männerschauen.
Vogue Runway: Dokumentiert Madras bei Ralph Lauren in traditionellen und kräftigeren Farbstellungen auf Jacken, Taschen und weiteren Sportswear-Formen.
GQ: Analysiert Ralph Laurens breite Madras-Anwendung und die leichte, farbige Materialwirkung.
Etro: Die offizielle SS27-Mitteilung verbindet Madras, Archiv-Foulards, Seide und entspanntes Tailoring.
Vogue Business: Liefert den Klima- und Materialkontext für leichtere, luftige Sommer-Menswear.
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