1. Ein kleines Teil mit großer Richtung
Die SS27-Saison hat den Foulard aus der Nebensache geholt. Vogue zählt Seidentücher, gestrickte Dreiecke und eng gebundene Neck Ties zu den klaren Linien der Herrenschauen. Auf den Straßen von Paris, Mailand und Florenz wurde dieselbe Idee sofort praktisch: nicht als Kostüm, sondern als kurzer Farbakzent, weicher Kragenersatz oder langes vertikales Band.
Für den Herrenrock ist das besonders interessant. Der Rock gibt dem unteren Körper eine große, ruhige Fläche; der Foulard setzt darüber einen schmalen Fokus. So bleibt der Look offen und beweglich, ohne beliebig zu wirken. Das Tuch ersetzt weder Krawatte noch Schmuck – es übernimmt eine eigene, weniger formelle Aufgabe.
2. Vertikale statt Dekoration
Die präziseste Variante ist ein schmales Rechteck aus Seidentwill: einmal um den Hals, ein lockerer Knoten, beide Enden unterschiedlich lang. Das längere Ende darf bis zur Brust oder knapp über den Rockbund fallen. Dadurch entsteht zwischen Gesicht, Jackenöffnung und Bund eine durchgehende Achse. Ein hoher, fester Knoten würde diese Bewegung abbrechen.
Zum voluminösen Plisseerock darf der Foulard kleiner und heller werden. Zum flachen Wickelrock kann er länger fallen. Ein Utility-Kilt verträgt die kompakte Neckchief-Form aus Seide-Baumwolle, weil sie die funktionale Konstruktion bewusst verfeinert. Der entscheidende Maßstab ist nicht Geschlecht, sondern Proportion.
Der Foulard macht den Rock nicht dekorativer. Er macht die Blickrichtung eindeutiger.




3. SS27: Freiheit mit handwerklicher Disziplin
Die Laufstege liefern unterschiedliche Begründungen für dieselbe Geste. Monocle beschreibt bei Dunhill einen Kaschmir-Seiden-Schal zum hellgrauen Leinenanzug, lose wie eine Alternative zur Krawatte. Wallpaper* beobachtete bei Hermès das klassische Seidentuch als rustikales Neckchief und bei Celine Fransen, Sashes und persönliche Accessoire-Schichten. Die Gemeinsamkeit liegt in einer neuen Leichtigkeit des Anziehens.
Diese Leichtigkeit ist konstruiert. AP berichtete aus Mailand von geöffneten Kragen, weicherem Tailoring und luftigerer Form – neben Thom Brownes Plisseeröcken für Männer. Der Foulard passt genau in dieses System: Er gibt einem offenen Hals Abschluss, ohne ihn wieder zu verriegeln. Seide bewegt sich, wo eine Krawatte kontrollieren würde.
4. Material, Knoten, Abstand
Seidentwill hält eine klare Kante und eignet sich für den langen Fall. Ein leichter Crêpe ist weicher, sollte aber schmal geschnitten sein, damit er nicht wie eine Stola wirkt. Seide-Kaschmir verbindet sich gut mit Leinen-Tailoring; ein kompakter Seide-Baumwoll-Strick funktioniert zu Twill und Utility-Details. Große glänzende Flächen sind schwieriger als ein kleines Tuch mit trockenem Griff.
Zwischen Hals und Stoff sollte ein Finger Platz bleiben. Der Knoten sitzt leicht seitlich oder unter dem geöffneten Kragen, nie als starre Schleife. Muster bleiben am stärksten, wenn der restliche Look aus höchstens drei ruhigen Farben besteht. Bordeaux zu Navy und Anthrazit, Elfenbein zu Schwarz, Rost zu Sand und Tabak: Kontrast mit Kontrolle.
5. Haltung ohne starre Codes
Ein Foulard kann weich sein und trotzdem eine maskuline Silhouette präzisieren. Gerade diese Gleichzeitigkeit macht moderne Männermode interessant: feste Rockkonstruktion und bewegte Seide, robuste Boots und ein feiner Knoten, bekannte Schneidertradition und neue Freiheit. Stärke entsteht nicht aus dem Verzicht auf Nuancen.
„Men Can“ bedeutet, Kleidung nach Form, Material und eigener Haltung zu wählen. Der lange Herrenrock ist dabei kein Statement, das täglich erklärt werden muss. Mit einem guten Foulard wird er Teil einer vollständigen Garderobe – persönlich, kultiviert und selbstverständlich.
Quellen, kurz gelesen
- Vogue, 2. Juli 2026: Der Foulard als SS27-Schlüsselaccessoire sowie weichere, fließende Schneiderei.
- Vogue Street Style, 30. Juni 2026: kreative Tuchbindungen auf den Straßen von Paris, Mailand und Florenz.
- Monocle, 23. Juni 2026: Dunhills Kaschmir-Seiden-Schal als lockere Alternative zur Krawatte.
- Wallpaper*, Juni 2026 und LVMH/Celine, 1. Juli 2026: Neckchiefs, persönliche Accessoires und die Verbindung von Stärke und Weichheit.
- AP News, 22. Juni 2026: geöffnetes, leichteres Tailoring und Plisseeröcke für Männer in Mailand.
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