1. Transparenz wird zu Struktur
Der aktuelle Streetstyle-Bericht aus Kopenhagen beobachtet, wie offen gearbeitete Blusen und Hemden das weiße Tanktop ablösen. Auf den Männerlaufstegen war die Richtung bereits sichtbar: Hypebeast zählt Transluzenz zu den SS27-Signalen, Wallpaper* beschreibt bei Prada Materialien, die ihre innere Konstruktion zeigen, und Vogue Runway nennt bei Yohji Yamamoto zarte Spitzenhemden neben langen, streng geführten Silhouetten.
Der entscheidende Punkt ist nicht, möglichst viel Haut zu zeigen. Wertvoll wird die Fläche, wenn Öffnung und Ordnung zusammenarbeiten. Ein geometrisches Lochmuster, eine exakt gesetzte Stickerei oder ein offener Strick gliedert das Oberteil. Der lange Rock antwortet mit einer ruhigen, geschlossenen Fläche und hält den Look in der Vertikalen.
2. Der Unterzug entscheidet
Ein offenes Hemd braucht eine bewusste Basis. Unter weißer Broderie Anglaise genügt ein hautnahes Unterhemd in gebrochenem Weiß; unter Navy wirkt ein kreidefarbener Feinstrick-Unterzug klarer als nackte Haut. Schwarze Spitze gewinnt mit einem matten schwarzen Layer an Tiefe, weil das Muster sichtbar bleibt, ohne den Körper zum Mittelpunkt zu machen.
Die Regel ist einfach: Der Unterzug darf nicht zufällig aussehen. Sein Ausschnitt folgt der Hemdöffnung, seine Schulter bleibt innerhalb der Oberlage, sein Saum verschwindet glatt im Rockbund. So wirkt Transparenz wie ein Materialdetail des Tailorings – kontrolliert, erwachsen und selbstverständlich maskulin getragen.
Offene Gewebe zeigen nicht weniger Konstruktion. Sie verlangen mehr davon.
3. Zur offenen Fläche gehört ein geschlossener Rock
AP fasst Mailand SS27 mit leichterem Tailoring und sartorialer Ventilation zusammen und nennt zugleich plissierte Männerröcke. Diese Kombination liefert die richtige Balance. Messerfalten aus Tropenwolle geben einem Lochstickerei-Hemd Gewicht; ein breiter, überlappender Wrap aus Baumwollleinen beruhigt einen laserperforierten Overshirt; ein glatter Wollkrepprock schärft eine feinere Spitzenstruktur.
Vermeiden sollte man zu viele Öffnungen in einem Look. Wenn das Oberteil Durchblick und Textur bietet, bleibt der Rock geschlossen, ungefüttert nur dort, wo das Material blickdicht ist, und frei von dekorativen Schlitzen. Bewegungsweite kommt aus Falte, Wickelübertritt oder hinterer Gehfalte – nicht aus einer unruhigen Front.
4. Farbe hält die Romantik im Zaum
Weiß auf Anthrazit ist die präziseste Kombination: Die Stickerei bleibt sichtbar, während der dunkle Faltenrock die Figur erdet. Navy und Tabak übersetzen Laser-Cut in eine urbane, fast utilitäre Sprache. Ecru und Olive wirken mediterran; Schwarz und Elfenbein machen Spitze abendtauglich, ohne in formelle Strenge zu kippen.
Auch Schuhe und Strümpfe arbeiten als Rahmen. Gerippte Strümpfe greifen den Rockton oder die Boots auf; polierte Ankle-Boots verfeinern, matte Schnürboots geben Bodenhaftung. Offene Sandalen wären möglich, aber der geschlossene Boot ist heute die stärkere Nino-Cappello-Antwort: Er setzt der luftigen Oberfläche eine feste, männliche Basis entgegen.
5. Men Can: Leichtigkeit braucht keine Rechtfertigung
Das heutige Signal aus Kopenhagen ist romantisch konnotiert, doch Materialien besitzen kein Geschlecht. Spitze, Lochstickerei und Transparenz gehören seit Langem auch zu festlicher, historischer und außereuropäischer Herrenbekleidung. Moderne Menswear kann diese Techniken aufnehmen, ohne sie zu karikieren oder ihre Herkunft auf ein Kostüm zu reduzieren.
Men Can heißt hier: eine empfindlich wirkende Oberfläche mit ruhiger Haltung tragen. Der Schnitt bleibt klar, die Proportion lang, die Verarbeitung hochwertig. Made in Italy zeigt sich in sauber gefassten Kanten, plan liegenden Nähten und einem Rock, der im Gehen seine Form hält. Selbstbewusstsein entsteht nicht durch Härte, sondern durch Entscheidung.
Vier Formeln für kontrollierte Leichtigkeit
Jeder Look kombiniert genau eine offen gearbeitete Oberfläche mit einem langen, geschlossenen Rock und festen Boots.

Weißes Hemd aus geometrischer Broderie Anglaise + tonaler Unterzug + langer anthrazitfarbener Messerfaltenrock + schwarze Rippstrümpfe + polierte Ankle-Boots.

Laserperforiertes Navy-Overshirt + kreidefarbener Feinstrick-Unterzug + langer tabakfarbener Baumwoll-Leinen-Wickelrock + graphitfarbene Strümpfe + matte Schnürboots.

Ecrufarbener offen gestrickter Baumwoll-Seiden-Polo + tonaler Unterzug + langer olivfarbener Leinen-Wickelrock + braune Strümpfe + Espresso-Derby-Boots.

Schwarzes geometrisches Spitzenhemd über mattem Unterzug + kurzer elfenbeinfarbener Zweireiher + langer schwarzer Wollkrepprock + schwarze Strümpfe + Side-Zip-Boots.
Quellen, kurz gelesen
Der heutige CPHFW-Kalender und ein aktueller Kopenhagener Streetstyle-Bericht liefern den Tagesbezug. SS27-Analysen aus Mailand und Paris stützen die Menswear- und Materialthese.
- Copenhagen Fashion Week — Official Schedule — 6 August 2026 (laufend aktualisiert).
- Marie Claire — Copenhagen Fashion Week SS27 Street Style Trend Alert: Lace Tops (2026-08-04).
- Hypebeast — SS27 Men's Runway & Fashion Week Trends (Juli 2026).
- Vogue Runway — Yohji Yamamoto Spring 2027 Menswear (Juni 2026).
- Wallpaper* — The highlights of Milan Fashion Week Men’s S/S 2027 (2026-06-22 (zuletzt aktualisiert)).
- Associated Press — Milan designers go lighter in silhouette, if not materials, for next summer (2026-06-22).
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