NINO CAPPELLO
Journal · 11. August 2026 · SS27 nach Kopenhagen

Die Schulter in Bewegung

Nach Kopenhagen bleibt nicht nur Farbe oder Dekor im Gedächtnis, sondern eine Linie: die Raglannaht. Sie läuft vom Kragen schräg zur Achsel, nimmt der Schulter Härte und gibt dem Oberkörper Bewegungsraum. Zum langen Herrenrock entsteht daraus eine moderne Balance – oben dynamisch, unten ruhig; maskulin konstruiert, aber frei von starrer Rüstung.

Mann in Mailand mit hellem Raglan-Blouson und langem anthrazitfarbenem Faltenrock.
Mailand · Stone und Anthrazit
Kurzer Raglan-Blouson aus Stone-Baumwollleinen + elfenbeinfarbener Feinstrick + langer anthrazitfarbener Messerfaltenrock + Graphitstrümpfe + polierte Derby-Boots.

1. Die Diagonale ersetzt das Schulterpolster

Der aktuelle Kopenhagener Streetstyle-Bericht von Who What Wear nennt Raglan-Shirts als wiederkehrende Form und zeigt sie mit tonalen Farben und Utility-Basics. Für Nino Cappello liegt ihre Stärke nicht im Sportzitat, sondern in der Konstruktion: Weil der Ärmel bis zum Hals reicht, verschwindet die harte Grenze zwischen Schulter und Arm. Die Silhouette wirkt länger, beweglicher und weniger blockhaft. Ein schmaler Kragen, eine saubere Naht und kontrollierte Weite genügen; kontrastierende Baseball-Ärmel wären zu laut. So wird aus einem vertrauten Detail ein ruhiger Menswear-Akzent.

2. Warum der lange Rock die Linie vollendet

Die Raglannaht setzt eine Diagonale, der lange Herrenrock antwortet mit einer großen vertikalen Fläche. Gerade dieser Gegensatz schafft Spannung. Messerfalten öffnen sich im Schritt und schließen wieder, ein Wrap bleibt durch seine breite Überlappung klar, eine Säulenform trägt die Bewegung fast unsichtbar weiter. Der Rock sollte eindeutig als Rock lesbar bleiben: keine verdeckten Hosenbeine, keine Culotte, keine unruhige Front. AP verortet SS27 zwischen weicheren Konstruktionen, leichterem Tailoring und Herrenröcken. Die Übertragung auf Raglan ist unsere redaktionelle Schlussfolgerung – und eine sehr tragfähige.

Eine starke Schulter muss nicht starr sein. Sie muss der Bewegung eine klare Richtung geben.

3. Vier Materialien, vier Grade von Struktur

In Mailand funktioniert Baumwoll-Leinen in Stone zu anthrazitfarbener Tropenwolle. Kopenhagen verlangt kompakten Ink-Cotton über trockenem olivfarbenem Utility-Twill. Florenz verbindet ein ungefüttertes Leinen-Seiden-Overshirt mit einem espressofarbenen Leinen-Wrap. Paris reduziert die Idee auf kurze schwarze Seidenwolle und eine schiefergraue Wollsäule. Vogue beschreibt SS27 über fließenderes, leichter drapiertes Tailoring; Wallpaper* hebt ungefütterte Schichten und Plissee hervor. Entscheidend ist die Abstufung: Das Oberteil darf weich fallen, der Rock braucht genug Gewicht, um die Silhouette zu erden.

4. Proportion von Hals bis Boot

Die Raglanlinie ist am stärksten, wenn das Oberteil an oder knapp über dem natürlichen Bund endet. Zu lang würde es die Rockfläche halbieren, zu kurz in Richtung Kostüm kippen. Darunter bleibt Feinstrick oder T-Shirt tonal. Gerippte Strümpfe nehmen die Farbe des Rocks auf und schließen die Lücke zum Schuh. Polierte Derby-Boots präzisieren Plissee, matte Schnürboots tragen Utility, braune Ankle-Boots wärmen Leinen, schlanke Side-Zip-Boots halten die Pariser Säule elegant. Eine Tasche genügt; Schulterriemen würden genau jene Naht verdecken, um die es geht.

5. Men Can: Haltung darf beweglich sein

Bei Givenchy nennt Sarah Burton die Schulter den Ausgangspunkt einer Silhouette; Prada betont vertraute Kleidung, die durch Kombination neu verstanden wird. Beides passt zur Haltung von Nino Cappello. Maskulinität entsteht nicht nur aus Breite und Härte. Sie kann in einer präzisen Naht, einem unangestrengten Schritt und der Selbstverständlichkeit eines langen Rocks liegen. Men Can bedeutet hier: Bewegungsfreiheit nicht als Nachlässigkeit zu lesen, sondern als Souveränität. Made in Italy zeigt sich in der sauber auslaufenden Raglannaht, im weich eingesetzten Kragen und in einem Rocksaum, der bei jedem Schritt kontrolliert zurückfindet.

Vier Formeln für die bewegliche Schulter

Jeder Look setzt die Raglannaht sichtbar ein und hält die lange Rockfront bewusst ruhig und eindeutig.

Mann in Mailand mit hellem Raglan-Blouson und langem anthrazitfarbenem Faltenrock.
Mailand · Stone und Anthrazit
Kurzer Raglan-Blouson aus Stone-Baumwollleinen + elfenbeinfarbener Feinstrick + langer anthrazitfarbener Messerfaltenrock + Graphitstrümpfe + polierte Derby-Boots.
Mann in Kopenhagen mit inkblauer Raglanjacke und langem olivfarbenem Wickelrock.
Kopenhagen · Ink und Olive
Inkblaues Raglan-Hemdjackett + ecrufarbenes T-Shirt + langer olivfarbener Utility-Wickelrock + dunkle Olivstrümpfe + matte schwarze Schnürboots.
Mann in Florenz mit ecrufarbenem Raglan-Overshirt und langem braunem Leinenrock.
Florenz · Ecru und Espresso
Ungefüttertes Ecru-Overshirt mit Raglanärmeln + tabakfarbener Feinstrickpolo + langer espressofarbener Leinen-Wrap + Kakaostrümpfe + braune Ankle-Boots.
Mann in Paris mit schwarzer Raglanjacke und langem schiefergrauem Säulenrock.
Paris · Schwarz und Schiefer
Kurze schwarze Raglanjacke aus Seidenwolle + anthrazitfarbener Mockneck + langer schiefergrauer Säulenrock + schwarze Feinstrümpfe + Side-Zip-Boots.

Quellen in Kürze

Kopenhagen liefert den aktuellen Raglanimpuls. AP, Vogue Runway und Wallpaper* verankern ihn in der breiteren SS27-Bewegung zu weicherem Tailoring, Schulterkonstruktion und Männern in Röcken.

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