NINO CAPPELLO
Journal · 10. August 2026 · SS27 nach Kopenhagen

Der Saum in Bewegung

Nach Copenhagen Fashion Week bleibt ein Detail im Gedächtnis: Fransen und Quasten bringen klare Silhouetten in Bewegung. Zum langen Herrenrock funktioniert das nicht als Dekoration in Überzahl, sondern als präziser Rhythmus – an einer Seitennaht, einem Gürtel oder einem abnehmbaren Hüftdetail.

Mann in Mailand mit elfenbeinfarbener Jacke und langem anthrazitfarbenem Herrenrock mit schmaler Seitenfranse.
Mailand · Elfenbein und Anthrazit
Elfenbeinfarbene Leinenjacke + Feinstrick + langer anthrazitfarbener Wickelrock mit schmalem handgeknüpftem Fransenstreifen + graphitfarbene Strümpfe + polierte Ankle-Boots.

1. Bewegung wird zum Material

Der unmittelbar nach den Kopenhagener Schauen veröffentlichte SS27-Rückblick von Who What Wear nennt verlängerte Fransen, Perlenketten und Quasten an Säumen, Schals und Kleidungsabschlüssen als eines der prägenden Details. Auch im Streetstyle tauchten Fransen als sommerliche Antwort auf den Quastenschal des Winters auf. Entscheidend ist nicht der bloße Schmuck, sondern das Verhalten im Schritt: Eine ruhige Fläche erhält eine sichtbare Verzögerung. Der Stoff stoppt, die Fäden schwingen nach. Genau dieser kleine zeitliche Versatz macht einen langen Rock lebendig, ohne seine vertikale Autorität aufzulösen.

2. Ein Akzent reicht

Für Nino Cappello beginnt die Übersetzung mit Disziplin. Ein schmaler Fransenstreifen folgt der äußeren Seitennaht; ein geflochtener Gürtel endet in zwei kompakten Quasten; ein abnehmbarer Perlenbesatz sitzt nur an einer Hüfte. Die Rockfront bleibt geschlossen, lang und eindeutig. So wird das Detail nicht folkloristisch und nicht kostümhaft. Wallpaper* beobachtete bei Celine SS27 funkelnde Fransenschals und lose Gürtel innerhalb eines ausgesprochenen Menswear-Angebots. Vogue Italia wiederum beschreibt austauschbare Quasten an Santoni-Loafern als Verbindung von Handwerk, Individualität und zeitgemäßer Männermode. Das Prinzip ist klar: Persönlichkeit sitzt im Detail, Konstruktion hält die Linie.

Die stärkste Franse ist nicht die lauteste. Es ist die, deren Bewegung man im richtigen Moment sieht.

3. Vier Materialien, vier Rhythmen

Seidige Fransen an Tropenwolle gleiten schnell und fein; sie passen zur Mailänder Formel aus Elfenbein und Anthrazit. Eine geflochtene Baumwollkordel mit kompakten Quasten wirkt funktionaler und hält einem technischen Blouson stand. Makramee aus mattem Leinengarn bringt in Florenz sichtbare Handarbeit, ohne die olivfarbene Fläche zu überladen. Für Paris genügt ein kurzes Tab aus tiefschwarzen Glasperlen, das bei Abendlicht punktuell reagiert. Wichtig ist die Abstimmung des Gewichts: Das Detail darf schwingen, aber nicht am Rock ziehen oder den Fall verformen.

4. Tailoring gibt den Rahmen

AP fasst Mailand SS27 mit klaren Linien, leichterem Tailoring und sartorialer Ventilation zusammen. Diese Reduktion ist der ideale Gegenpol zur bewegten Kante. Oben bleiben Jacken kurz bis hüftlang, Schultern weich und Farben tonal. Unten verlängern gerippte Strümpfe die Rockfarbe in den Schuh. Polierte Boots ordnen Seide und Glasperlen; matte Schnürboots erden technische Kordeln; braune Ankle-Boots nehmen die Wärme von Wildleder und Leinen auf. Weil der Saum bereits spricht, brauchen Hemd, Schmuck und Tasche keine zweite Inszenierung.

5. Men Can: Handwerk ohne Schublade

Fransen gehören keiner einzigen Epoche, Region oder Geschlechtsidentität. Sie können Schutzkante, Abschluss, handwerkliches Zeichen oder reiner Bewegungsimpuls sein. Eine seriöse moderne Menswear macht daraus keine Karikatur. Sie benennt Material und Konstruktion, setzt das Detail sparsam und lässt den Träger entscheiden, wie sichtbar es wird. „Men Can“ bedeutet hier: Ein Mann kann Bewegung zeigen, ohne an Ruhe zu verlieren. Made in Italy bedeutet, dass Knoten, Ansatzband, Fadendichte und Innenverarbeitung genauso präzise gedacht sind wie Bund, Übertritt und Saumgewicht.

Vier Formeln für kontrollierte Bewegung

Jeder Look hält die Rockfront ruhig und setzt nur einen bewegten Akzent.

Mailänder Herrenrock-Look mit schmaler Seitenfranse.
Mailand · Seidige Seitenlinie
Elfenbeinfarbene Leinenjacke + anthrazitfarbener Woll-Seiden-Wickelrock + tonale Seitenfranse + Graphitstrümpfe + schwarze Boots.
Kopenhagener Herrenrock-Look mit navyfarbenen Falten und Quastenkordel.
Kopenhagen · Kordel und Pleats
Kurzer Navy-Blouson + langer schieferblauer Faltenrock + abnehmbare Kordel mit zwei Quasten + Navystrümpfe + Schnürboots.
Florentiner Herrenrock-Look mit olivfarbenem Wickelrock und Makramee-Einsatz.
Florenz · Olive und Makramee
Tabakfarbenes Wildleder-Overshirt + ecrufarbener Feinstrick + langer olivfarbener Leinen-Wickelrock + kompakter Seitenbesatz + braune Boots.
Pariser Abendlook mit langem schwarzem Herrenrock und schwarzem Perlenfransen-Tab.
Paris · Schwarzer Lichtpunkt
Schwarzes Seidenbaumwollhemd + kurze Graphitjacke + langer schwarzer Wickelrock + abnehmbarer Glasperlenbesatz + Side-Zip-Boots.

Quellen in Kürze

Die tagesnahen Kopenhagen-Berichte liefern den Fransenimpuls. Menswear-Quellen aus Paris und Mailand stützen Handwerk, Accessoire-Logik und den ruhigen Tailoring-Rahmen.

Bewegung präzise tragen

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